Wenn man „Plzeň” sagt, denken die meisten Leute an eine Sache: Bier. Und das ist kein Wunder — Pilsner Urquell wurde in diesem Land gebraut, bevor Tschechien überhaupt als eigenständiger Staat existierte, und hat über 80 % aller Brauereien weltweit geprägt. Diese Brauerei ist der Hauptgrund, warum jedes Jahr Hunderttausende Besucher hierherkommen.

Aber Plzeň ist nicht nur die Brauerei.

Hier steht die zweitgrößte Synagoge Europas. Der höchste Kirchturm Tschechiens. Eine Sammlung von Adolf-Loos-Interieurs. Das Náměstí Republiky, einer der größten historischen Plätze Mitteleuropas. Und eine besondere Geschichte: Plzeň wurde im Mai 1945 von der amerikanischen Armee befreit — eine der wenigen tschechischen Städte, die nicht von der Roten Armee befreit wurden.

Wie kommt ihr aus Prag hin?

Zwei Möglichkeiten, ähnlich wie bei Karlštejn und Kutná Hora.

Mit dem Zug

Plzeň ist von Prag aus einfach zu erreichen. Zwischen Praha hl. n. und Plzeň hl. n. fahren täglich mehrere direkte Verbindungen — RegioJet als Hauptanbieter, dazu die Tschechischen Bahnen (České dráhy) und Leo Express. Die schnellsten Direktzüge schaffen die Strecke in 1 Stunde und 11 Minuten.

  • Preis Einzelfahrt: CZK 200–300 in der RegioJet-Klasse Low Cost
  • Erster Zug aus Prag: gegen 5:00 Uhr
  • Letzter Zug zurück: zwischen 22:00 und 23:00 Uhr
  • Ticket: am besten online auf regiojet.cz oder in der RegioJet-App, alternativ auf cd.cz. RegioJet bietet die Klassen Low Cost, Standard, Relax und Business.

Der Zug endet in Plzeň hl. n. Vom Bahnhof ins Zentrum sind es 15 Minuten zu Fuß oder 5 Minuten mit der Straßenbahn (Linien 1 und 2 fahren zum Náměstí Republiky). Die Brauerei liegt 5 Minuten zu Fuß nördlich vom Hauptbahnhof — paradoxer­weise ist die nächste Haltestelle für den Brauereibesuch direkt der Hauptbahnhof.

Als Alternative: FlixBus fährt 5× täglich, Ticket ab CZK 150 (etwa 6 €), Fahrtzeit 1 h 30 min. Mit dem Zug seid ihr aber schneller und komfortabler unterwegs — und zahlt oft kaum mehr.

Die wichtigsten Stationen

Plzeň lässt sich gut zu Fuß erkunden — alle Hauptstationen liegen im Umkreis von 15 Gehminuten vom Náměstí Republiky.

Pilsen — Blick auf die Stadt mit der Kathedrale St. Bartholomäus

Pilsner Urquell — die Brauerei

Die Hauptattraktion für 80 % der Besucher, und ich beginne mit ihr, weil sie etwas Logistik verdient.

Was die Führung umfasst. Die Dauer beträgt 110 Minuten. Ihr startet im Visitor Center in der U Prazdroje 64/7, von dort fahrt ihr mit einem Brauereibus zur modernen Abfüllanlage (120.000 Flaschen pro Stunde), geht weiter durch drei Sudhäuser aus verschiedenen Jahrhunderten, schaut euch das Ingredients Exhibit an (mit der Möglichkeit, die Zutaten Malz, Hopfen und Wasser zu probieren) und endet in den historischen Lagerkellern, die 9 km lang sind. Dort bekommt ihr ungefiltertes und nicht pasteurisiertes Pilsner Urquell direkt aus dem Eichenfass.

Die Tour wurde 2024 bei den World Travel Awards als „Best Europe Brewery Tour” ausgezeichnet.

Praktisches, woran ihr denken solltet:

  • Sprachen. Gruppenführungen finden regelmäßig auf Tschechisch, Englisch und Deutsch statt (Gruppen ab 20 Personen). Für die deutschsprachige Tour reicht es, bei der Reservierung den DE-Slot zu wählen.
  • Reservierung Pflicht. Walk-in ist in der Saison praktisch unmöglich. Online auf prazdrojvisit.cz.

Nach der Tour: Na Spilce. Das Restaurant direkt im Brauerei­areal, in den ehemaligen Gärkellern. Moderne tschechische Küche, frisches ungefiltertes Pilsner Urquell direkt aus der Quelle. Reservierung empfohlen.

  • Web: prazdrojvisit.cz
  • Dauer: 110 Minuten
  • Eintritt: ab CZK 250 / 10 €, mehr auf prazdrojvisit.cz
  • Reservierung: Pflicht, online vorab

Aufgepasst — nicht verwechseln: Pilsner Urquell Experience in Prag

Wichtige Klarstellung, damit ihr nicht hereinfallt: In Prag, in der 28. října 377/13 (nahe des Wenzelsplatzes), gibt es eine eigenständige Pilsner Urquell Experience. Das ist nicht die Brauerei in Plzeň. Es ist eine interaktive Bier-Ausstellung, gut gemacht und in Prag bequemer erreichbar — aber es ist nicht dasselbe wie die Besichtigung der echten Brauerei in Plzeň. Wenn ihr die echten Sudhäuser, die Keller und Bier aus dem Eichenfass sehen wollt, müsst ihr nach Plzeň.

Die zweite große Station — die Große Synagoge

Fünf Minuten zu Fuß vom Náměstí Republiky entfernt. Die zweitgrößte Synagoge Europas (nach Budapest) und eine der fünf größten der Welt. Nach einer dreijährigen Rekonstruktion wurde sie im April 2022 wiedereröffnet — der Innenraum ist im Grunde im besten Zustand seit hundert Jahren.

Den Entwurf lieferte 1888 der Wiener Architekt Max Fleischer. Sein ursprünglicher Plan sah 65 Meter hohe Türme vor — die aber vom Plzener Stadtrat abgelehnt wurden, weil sie der Kathedrale St. Bartholomäus Konkurrenz gemacht hätten. Die heutigen Türme sind „nur” 45 Meter hoch. Der Bau in der überarbeiteten Fassung wurde 1893 vom Plzener Baumeister Emanuel Klotz vollendet; das Ergebnis ist eine Mischung aus neoromanischem Stil und maurischen Elementen.

Die Synagoge dient nach wie vor als Gebetsraum, in dem regelmäßig Gottesdienste stattfinden, und stellt zugleich ihre Räume für Konzerte und Ausstellungen zur Verfügung — die Akustik im Hauptschiff ist außergewöhnlich. Im Untergeschoss findet ihr die frisch restaurierte Mikwe (rituelles Bad).

  • Geöffnet: Sonntag–Donnerstag 10:00–17:00 Uhr ganzjährig. Freitag und Samstag geschlossen (Schabbat). An jüdischen Feiertagen ebenfalls geschlossen.
  • Eintritt: Erwachsene CZK 140, ermäßigt für Studenten und Senioren, Kauf vor Ort
  • Reservierung: nicht erforderlich

Die Kathedrale St. Bartholomäus

Das Wahrzeichen des Náměstí Republiky. Ein gotischer dreischiffiger Bau aus dem 14. Jahrhundert mit einem 102,26 Meter hohen Turm — dem höchsten Kirchturm Tschechiens.

Im Inneren gibt es drei Schätze, derentwegen sich der Eintritt lohnt:

  • Die Plzener Madonna — eine spätgotische Skulptur vom Ende des 14. Jahrhunderts, aus der Periode der „Schönen Madonnen”. Sie zählt zu den wertvollsten gotischen Kunstwerken Tschechiens.

  • Die Sternberg-Kapelle aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts — eine Familiengruft, eines der besten Beispiele für die Spätgotik im Übergang.

  • Das Netzgewölbe des Presbyteriums in 25 Metern Höhe.

  • Öffnungszeiten Turm: täglich 10:00–18:00 Uhr

  • Öffnungszeiten Innenraum: werktags 10:00–18:00 Uhr, Wochenenden und Feiertage 13:00–18:00 Uhr

  • Eintritt Turm: CZK 120, ermäßigt für Kinder, Senioren und Personen mit Behindertenausweis. Mehr auf bip.cz/cs/katedrala-sv-bartolomeje

  • Bezahlung: Karte funktioniert, Bargeld auch

Die Loos-Interieurs

Hier ist das Hidden Gem von Plzeň, von dem die meisten Tagesbesucher noch nie gehört haben.

Loos-Interieurs in Plzeň — die zweitgrößte Sammlung weltweit nach Wien

Adolf Loos ist einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts — Begründer des modernistischen Minimalismus, Autor des Manifests „Ornament und Verbrechen”. In Plzeň entwarf er 13 Wohnungsinterieurs und das Brummel-Haus. Davon sind heute vier rekonstruierte Interieurs auf drei Führungsrouten zugänglich. Die Plzener Sammlung an Loos-Realisierungen ist die zweitgrößte weltweit nach Wien.

Route 1 — Wohnungen Vogl und Kraus (75–90 Minuten)

  • Wohnung Vogl — Klatovská tř. 10 (Umbau 1908–1910 und erneut 1928–29). Salon mit Kamin und Esszimmer.
  • Wohnung Kraus — Bendova 10 (1930–31). Salon und Esszimmer mit Spiegelwänden, die den Effekt einer „unendlichen Enfilade” erzeugen, Verkleidung aus weiß-grünem Marmor, Mahagonidecke.

Route 2 — Brummel-Haus (45 Minuten)

  • Husova 58. Entworfen für das Ehepaar Jan und Jana Brummel. Gilt als die wertvollste und am besten erhaltene aller Plzener Loos-Realisierungen — eine Zwei-Generationen-Wohnung mit Einbaumöbeln und durchdachter Raumaufteilung.

Route 3 — Semler-Residenz (75 oder 110 Minuten)

  • Klatovská tř. 110. Die neueste und größte. Entworfen von Heinrich Kulka, Loos’ Mitarbeiter, nach dessen Vorgaben. Der 75-minütige Standardrundgang führt durch 15 Räume; der 110-minütige erweiterte Rundgang ergänzt weitere Räume.

Logistik. Die Führungen finden mit Reiseleiter statt, maximale Kapazität 10 Personen pro vorab reservierte Gruppe. Vorabreservierung ist Pflicht — ohne sie kommt ihr praktisch nicht hinein.

Reservierung und Kontakt:

  • Online: adolfloosplzen.cz/de
  • Sprache: Tschechisch und Englisch standardmäßig

Für Besucher mit architektonischem Interesse ist diese Station sehr lohnend.

Für Familien: Techmania Science Center

Für Kinder reicht es, einmal „Brauerei und Kirche” zu sagen, und sie verdrehen die Augen. Das Techmania Science Center im Škoda-Areal Plzeň ist ein interaktives Wissenschaftsmuseum mit physikalischen Experimenten, einem Planetarium und einem 3D-Simulator. Für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren ist es in Plzeň die beste Wahl. Plant ca. 2–3 Stunden ein.

Eintritt und Öffnungszeiten auf techmania.cz/de

Empfohlene Route

Plzeň lässt sich an einem halben Tag (nur die Brauerei), einem ganzen Tag (Brauerei + Innenstadt) oder zwei Tagen (für Architektur- und Loos-Fans) bewältigen.

Praktische Tipps

Wann hinfahren? Mai–Juni und September sind ideal. Der Sommer ist in Plzeň heiß und staubig, Wochenenden im Juli und August sind in der Brauerei überfüllt.

Wo Mittagessen? Na Spilce im Brauereiareal ist eine solide Wahl nach der Führung — moderne tschechische Küche, frisches Bier. In der Innenstadt Měšťanská beseda (Kombination aus Café und Restaurant) oder Pivnice U Salzmannů — eine historische Plzener Hospoda (das tschechische Wort für ein einfaches Lokal), angeblich die älteste durchgehend betriebene in Plzeň (seit 1637).

Geld? Karten werden fast überall akzeptiert. Bargeld ist gut fürs Trinkgeld, kleinere Läden und Hospodas.

Zum Schluss

Plzeň ist eine Stadt mit zwei Identitäten. Für die meisten Besucher bleibt Plzeň einfach „die Stadt mit der berühmten Brauerei”. Aber in Plzeň verbirgt sich noch viel mehr — Orte, von denen viele Besucher gar nicht wissen und die sie sich deshalb gar nicht erst ansehen.

Šťastnou cestu!