Einleitung

Prag gehört zu jenen Städten, in denen sich Geschichte direkt an den Fassaden ablesen lässt. Die meisten mitteleuropäischen Hauptstädte wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Prag überstand ihn nahezu unbeschadet. Wenn ihr heute durch das Zentrum geht, blickt ihr auf 1100 Jahre Architektur, übereinandergeschichtet: romanische Keller, gotische Türme, Renaissance-Bürgerhäuser, barocke Paläste, Jugendstilfassaden, funktionalistische Villen der Ersten Republik, kommunistische Betonklötze und moderne Rekonstruktionen — alles nebeneinander, oft in ein und derselben Straße.

Dieser Artikel zielt nicht auf akademische Tiefe ab. Er soll euch helfen: Wenn ihr auf der Karlsbrücke (Karlův most) steht, sollt ihr wissen, wer sie erbauen ließ, warum gerade hier — und was 1621 auf dem Altstädter Ring geschah. Die Details ergänzt ihr euch dann selbst.


Gründung (um 880)

Die Sage erzählt, Fürstin Libussa habe auf einem Felsen über der Moldau gestanden, auf einen bewaldeten Hügel gezeigt und prophezeit: „Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reichen wird.” So entstand die Legende von der Gründung Prags und vom Geschlecht der Přemysliden.

Die Realität ist etwas prosaischer, deckt sich aber im Groben damit. Um das Jahr 880 ließ Fürst Bořivoj aus dem Geschlecht der Přemysliden eine hölzerne Burg auf einem Felsvorsprung errichten — auf jenem Hügel, den wir heute Prager Burg nennen. Der erste gemauerte Bau war eine kleine Marienkirche; St. Georg und St. Veit folgten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Einige Jahrzehnte später entstand flussaufwärts auch die Burg Vyšehrad. Aus diesen beiden Hügeln wuchs allmählich das, was heute Prag ist.

Prag ist deutlich älter als Berlin, dessen erste schriftliche Erwähnung aus dem Jahr 1237 stammt. Wien hat zwar tiefere Wurzeln in Form des römischen Vindobona aus dem 1. Jahrhundert — Prag übertrifft es im urbanen Alter nicht. Aber als Reichsmetropole war es Wien voraus: Unter Karl IV. wurde Prag im 14. Jahrhundert zur Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches, während Wien erst im 16. Jahrhundert zum kaiserlichen Sitz aufstieg.

Und ein breiterer Blick auf das damalige Europa: Als Bořivoj die Prager Burg gründete, war das karolingische Reich — der Vorläufer des späteren Heiligen Römischen Reiches — nach Karls des Großen Tod geteilt und geschwächt. Aachen, Mainz oder Köln am Rhein waren bereits seit langem bedeutende Städte mit steinernen Bauten, doch große Teile des heutigen Deutschlands waren eher Grenzgebiete mit verstreuten Festungen und Kirchen in den Wäldern.


Karl IV. und das goldene Zeitalter (14. Jahrhundert)

Dies ist die Epoche, die Prag visuell definiert hat — und von der praktisch alles ausgeht, was Touristen heute fotografieren.

Karl IV. (1316–1378) war halb Luxemburger, halb Přemyslide. Er wuchs am französischen Hof auf, sprach fünf Sprachen und wurde nicht nur böhmischer König, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Und er traf eine grundlegende Entscheidung: Das eigentliche Zentrum des Reiches sollte Prag sein. Nicht Aachen (wo römische Könige traditionell zur Erinnerung an Karl den Großen gekrönt wurden), nicht Frankfurt (wo die Wahlen stattfanden) — sondern Prag. Zum ersten Mal in der Geschichte lag die Metropole des Heiligen Römischen Reiches auf slawischem Boden.

Was er hinterlassen hat, seht ihr bis heute:

  • Karlův most (gegründet 1357) — bis heute die älteste noch erhaltene Brücke Prags
  • Karlštejn (gegründet 1348, vollendet 1365) — Festung für die Reichskrönungs­kleinodien
  • Karls-Universität (1348) — die älteste Universität Mitteleuropas
  • Prager Neustadt (Nové Město, gegründet 1348) — das größte mittelalterliche Stadtplanungsprojekt Europas
  • Veitsdom — der Grundstein wurde 1344 von seinem Vater Johann von Luxemburg gelegt, doch Karl übernahm den Bau und gab ihm jene Gestalt, die ihr heute bewundert. Vollendet wurde er allerdings erst im Jahr 1929 (ja, sechshundert Jahre Bauzeit)

Wenn ihr heute Prag betrachtet, ist ein großer Teil dessen, was euch visuell fasziniert, entweder Karls Werk oder steht auf den Fundamenten, die er gelegt hat. Das ganze „märchenhafte Prag” ist im Grunde sein Projekt.


Defenestrationen und der Dreißigjährige Krieg (1618–1648)

Prag hat eine besondere Tradition, die andere Städte nicht haben: Es wirft Politiker aus dem Fenster. Historisch belegt sind drei Prager Defenestrationen — 1419, 1483 und 1618 — aber die dritte ist die berühmte.

Am 23. Mai 1618 zog der protestantische böhmische Adel zwei katholische Statthalter — Vilém Slavata von Chlum und Jaroslav Bořita von Martinic — sowie deren Schreiber Filip Fabricius aus dem Fenster der böhmischen Hofkanzlei in der Prager Burg. Sie warfen sie aus dem zweiten Stockwerk. Der Sturz betrug 21 Meter. Alle drei überlebten — was an sich schon ein kleines Wunder ist.

Was hat sie gerettet? Der Streit dauert bis heute an. Die katholische Propaganda behauptete sofort, Engel, gesandt von der Jungfrau Maria, hätten sie aufgefangen. Die protestantische Tradition bestand darauf, dass sie auf einem Misthaufen unter dem Fenster gelandet seien. Moderne Historiker neigen zu der Ansicht, es sei eine Kombination aus steilem Hang und weichem Untergrund gewesen — Physik, nicht Metaphysik.

Eine Kuriosität, die wie ein Witz klingt, aber belegt ist: Filip Fabricius wurde später vom Kaiser geadelt und erhielt den Titel „Baron von Hohenfall” — wörtlich. Einen besseren Adelstitel kennt die Geschichte nicht.

Wie auch immer — es war der Startschuss für den Dreißigjährigen Krieg, einen der zerstörerischsten europäischen Konflikte.

Der protestantische böhmische Adel wurde in der Schlacht am Weißen Berg (1620) vernichtend geschlagen. Am 21. Juni 1621 wurden auf dem Altstädter Ring 27 Anführer des Aufstands öffentlich hingerichtet — an sie erinnern bis heute weiße Kreuze im Pflaster vor dem Altstädter Rathaus. Nach dem Weißen Berg wurde Böhmen gewaltsam rekatholisiert, der Großteil des ursprünglichen böhmischen Adels starb oder emigrierte, und Deutsch wurde für die folgenden 300 Jahre zur Sprache der Eliten.

Hier beginnt jene tschechisch-deutsche Spannung, die dann die gesamte folgende Geschichte prägen wird.


Habsburger und Nationale Wiedergeburt (1620–1918)

Dreihundert Jahre lang war Böhmen eine habsburgische Provinz. Hauptstadt des Reiches war Wien, Amtssprache Deutsch, das Tschechische überlebte vor allem auf den Dörfern und unter einfachen Leuten. Prag blieb zwar schön — die barocke Erneuerung, die Jesuiten und Adel hier hinterließen, gab der Stadt den Großteil der Paläste, die ihr heute in der Altstadt und auf der Kleinseite seht — doch politisch wurde es zur Provinzstadt.

Dann kam das 19. Jahrhundert und mit ihm die Nationale Wiedergeburt (Národní obrození).

Eine Generation von Sprachwissenschaftlern, Schriftstellern, Historikern und Musikern knüpfte an die humanistische Tradition des 16. Jahrhunderts an — an das Tschechisch des Comenius und der Kralitzer Bibel — und begann, die tschechische Kultur für die moderne Welt neu zu schaffen. Josef Dobrovský verfasste 1809 die erste moderne Grammatik des Tschechischen. Josef Jungmann veröffentlichte zwischen 1834 und 1839 ein fünfbändiges tschechisch-deutsches Wörterbuch und schuf darin Tausende neuer Wörter für moderne Begriffe. František Palacký schrieb die mehrbändige Geschichte des böhmischen Volkes.

Zum Symbol der Wiedergeburt wurde das Nationaltheater (Národní divadlo). Es eröffnete am 11. Juni 1881 mit der Uraufführung von Smetanas Oper Libuše — die der Komponist eigens für diesen Anlass geschrieben hatte, bereits völlig taub. Zwei Monate später brannte das Theater nieder. Eine landesweite Sammlung erbrachte in 47 Tagen eine Million Gulden, und am 18. November 1883 wurde es erneut eröffnet — wieder mit Libuše. Smetanas symphonischer Zyklus Má vlast („Mein Vaterland”), 1879 vollendet, war inzwischen zum musikalischen Symbol tschechischer Identität geworden.

Ohne diese Generation oft besessener Enthusiasten wäre das Tschechische wahrscheinlich als Kuriosität geendet.

Die Architektur, die ihr heute in Prag als „Belle Époque” wahrnehmt — ein großer Teil der Vinohrady und der Neustadt, das Jugendstil-Gemeindehaus (Obecní dům, 1912) mit Muchas Bürgermeistersaal, die Jubiläumssynagoge (1906) — stammt aus dieser selbstbewussten Ära zwischen 1880 und 1914.


Die Erste Republik (1918–1938)

Am 28. Oktober 1918 zerfiel Österreich-Ungarn, und die Tschechoslowakei entstand. Erster Präsident wurde Tomáš Garrigue Masaryk — ein Philosoph, der den Krieg im Ausland verbracht hatte, um die Alliierten davon zu überzeugen, dass Tschechen und Slowaken einen eigenen Staat verdienten.

In den folgenden 20 Jahren zählte die Tschechoslowakei zu den wohlhabendsten, demokratischsten und gebildetsten Ländern Mitteleuropas. Eine starke Industrie — Škoda, Baťa, Tatra. Eine für ihre Zeit liberale Gesellschaft. Eine aktive Film-, Literatur- und Architekturszene. Der Prager Schriftsteller Karel Čapek erfand in dieser Zeit das Wort „Roboter” (im Theaterstück R.U.R. von 1920, abgeleitet vom tschechischen Wort für leibeigene Frondienste) — vielleicht der erfolgreichste tschechische Export des 20. Jahrhunderts.

Architektonisch ist dies die „zweite Welle” Prags — nach Karls Gotik und habsburgischem Barock kam der Funktionalismus. Der Messepalast (Veletržní palác, 1928) war zur Zeit seiner Eröffnung das größte funktionalistische Gebäude der Welt. Le Corbusier, der Vater der modernen Architektur, beschrieb ihn bei seinem Prag-Besuch 1928 als jenes Gebäude, das ihm erst gezeigt habe, wie wirklich große Bauten aussehen sollten. Die Villa Müller von Adolf Loos (1930) wird bis heute in Architekturlehrbüchern zitiert — Loos, geboren in Brünn und vor allem in Wien tätig, ist eine der Schlüsselfiguren der deutschsprachigen architektonischen Moderne. Tschechisches Glas, tschechisches Grafikdesign, tschechische Avantgarde — alles blühte damals auf.

Der Staat hatte allerdings ein strukturelles Problem: Er war ein Vielvölkerstaat. 65 % Tschechen und Slowaken, aber auch fast ein Viertel Deutsche (überwiegend im Sudetenland), dazu Ungarn, Ukrainer, Polen, Juden. Das Verhältnis der deutschen Minderheit im Sudetenland zu Prag war angespannt — und Hitler nutzte das 1938 aus.


Die dunkle Hälfte des Jahrhunderts (1939–1989)

Im März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein, und die böhmischen Länder wurden zum Protektorat Böhmen und Mähren. Den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich töteten im Mai 1942 in Prag tschechoslowakische Fallschirmjäger — Jozef Gabčík (Slowake) und Jan Kubiš (Tscheche), in Großbritannien ausgebildet. Die Operation hieß Anthropoid. Nach dem Attentat versteckten sie sich in der Kirche der heiligen Cyrill und Method in der Resslova-Straße, wo sie am 18. Juni 1942 nach einem Verrat fielen. In der Krypta der Kirche befindet sich heute eine Gedenkstätte — einer der eindringlichsten Orte Prags.

Die deutsche Vergeltung war brutal. Das Dorf Lidice wurde dem Erdboden gleichgemacht: 173 Männer wurden erschossen, die Frauen nach Ravensbrück deportiert, die meisten Kinder in Gaswagen in Chełmno ermordet. Nur wenige Kinder mit „arischen Zügen” wurden zur Germanisierung an deutsche Familien gegeben. Zwei Wochen später fiel auch das kleinere Dorf Ležáky. Fast 80 000 tschechische Juden kamen im Holocaust ums Leben — die meisten über das Ghetto Theresienstadt (Terezín).

Im Mai 1945 brach der Prager Aufstand aus. Pattons amerikanische Armee stand zu jener Zeit nur 80 Kilometer entfernt in Pilsen, blieb aber aufgrund der Vereinbarungen von Jalta dort stehen. Die Rote Armee traf am 9. Mai ein — die Frage, ob die Sowjets absichtlich verzögerten, spaltet die Historiker bis heute. In den folgenden zwei Jahren kam es zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung — über drei Millionen Deutsche verließen die Tschechoslowakei aufgrund der sogenannten Beneš-Dekrete. Dieses Ende einer jahrhundertealten tschechisch-deutschen Koexistenz gehört bis heute zu den empfindlichsten Punkten des tschechischen wie des deutschen Gedächtnisses.

Im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten durch einen Putsch die Macht. Der reformerische „Prager Frühling” von 1968 — der Versuch eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz” unter Alexander Dubček — wurde im August von Panzern aus fünf Staaten des Warschauer Pakts niedergewalzt. Im Januar 1969 verbrannte sich der Student Jan Palach auf dem Wenzelsplatz aus Protest. Dann folgten 21 Jahre grauer, paranoider, zensierter „Normalisierung”. Im Jahr 1977 unterzeichnete eine Gruppe von Dissidenten um den Dramatiker Václav Havel das Manifest Charta 77.

Im November 1989 zogen Studenten zur Národní třída (Nationalstraße), wurden zusammengeschlagen — und damit begann die Samtene Revolution. Bis Ende Dezember war Václav Havel Präsident der Tschechoslowakei — derselbe Dramatiker und Dissident.


Heute

1993 trennte sich die Tschechoslowakei auf friedlichem Wege in Tschechien und die Slowakei (die sogenannte „Samtene Scheidung”). 2004 trat Tschechien der Europäischen Union bei. Prag ist heute eine der am besten erhaltenen europäischen Hauptstädte — die geschichtete Architektur, von der ich am Anfang sprach, ist das Ergebnis von 1100 Jahren, in denen die Stadt mal provinziell, mal besetzt war, aber niemals dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Wo ihr heute welche Epoche seht:

  • 9.–13. Jahrhundert (frühe Přemysliden): die Rotunde St. Martin in Vyšehrad (authentisch romanisch, 11. Jahrhundert), die St.-Georgs-Basilika in der Prager Burg (romanische Fassade aus dem 12. Jahrhundert), romanische Keller in der Altstadt
  • 14. Jahrhundert (Karl IV.): Karlův most, Karlštejn, Veitsdom, Prager Neustadt
  • Renaissance: das Lustschloss der Königin Anna im Königlichen Garten, Teile des Jüdischen Viertels
  • Barock (nach dem Weißen Berg): Loreto, Strahov-Kloster, Innenräume des Klementinums
  • Belle Époque (Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert): Nationaltheater, Vinohrady, Jubiläumssynagoge, Gemeindehaus
  • Erste Republik: Messepalast, Villa Müller, Baťa-Palast und die Lucerna-Passage (errichtet von Havels Großvater) am Wenzelsplatz
  • Kommunismus: Žižkov-Fernsehturm, einige Beton-Marmor-Stationen der Metro
  • Heute: eine Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnern, die hier ganz normal leben — während sie als Kulisse für rund 8 Millionen Touristen pro Jahr dient

Wenn euch eine bestimmte Epoche besonders interessiert, haben wir zu den meisten von ihnen ausführlichere Reiseführer — von Karlštejn über die Prager Burg bis zum Jüdischen Viertel und Theresienstadt als Tagesausflug.