Brünn statt Prag: Mährens Hauptstadt für Architektur, Wandern und gutes Essen

Die meisten Touristen, die nach Tschechien reisen, sehen Prag — und sonst nichts. Brünn, tschechisch Brno, liegt in ihrer mentalen Landkarte irgendwo zwischen „zweitgrößte Stadt” und „muss man nicht gesehen haben”. Aus meiner Sicht ist das schade: Brünn bietet eine andere Kultur und eine Menge großartiger Orte, die einen Besuch lohnen.

Brünn ist nicht das kleine Prag. Prag ist barock, königlich und für die Postkarte poliert; Brünn ist funktionalistisch, jung und von Universitäten geprägt. Hier leben rund 380.000 Menschen, Zehntausende davon sind Studierende — die Stadt hat einen nervösen, unaufgeräumten Rhythmus, den das Prager Zentrum längst an die Reisegruppen verloren hat. Brünn versucht gar nicht erst, hübsch für Besucher zu sein. Genau das macht es erholsam — und anders als Prag.

Und es lohnt sich aus konkreten Gründen: Hier steht das einzige Bauwerk der modernen Architektur in Tschechien, das auf der UNESCO-Liste steht. Hier, in einem Klostergarten, begann die Genetik als Wissenschaft. Und nach zehn Minuten mit der Tram seid ihr an einem Stausee, an dem die Einheimischen wandern gehen.

Was ihr in Brünn gesehen haben solltet

Brünns Innenstadt ist kompakt. Fast alles, was hier folgt, erreicht ihr zu Fuß; nur die Villa Tugendhat liegt ein Stück außerhalb.

Villa Tugendhat. Das architektonische Argument für Brünn. Ludwig Mies van der Rohe entwarf dieses Wohnhaus 1929–1930 für die Familie Tugendhat, und es steht heute als einziges modernes Baudenkmal Tschechiens auf der UNESCO-Welterbeliste. Von der Straße wirkt es fast bescheiden — die Villa öffnet sich erst nach innen und zum Garten. Das Herzstück ist ein Wohnraum ganz ohne tragende Wände, geteilt nur von einer frei stehenden Wand aus honigfarbenem Onyx, die bei tiefem Sonnenstand durchscheint. Die geschosshohen Fensterscheiben lassen sich vollständig in den Boden versenken — 1929 war das Architektur wie aus einem Science-Fiction-Film. Eine historische Fußnote: Hier unterzeichneten Václav Klaus und Vladimír Mečiar im August 1992 die Vereinbarung über die Teilung der Tschechoslowakei.

Die Villa Tugendhat in Brünn, UNESCO-Welterbe von Ludwig Mies van der Rohe

⚠️ Wichtig: Spontan kommt ihr nicht hinein. Die Tickets werden Monate im Voraus ausschließlich online über tugendhat.eu vergeben — vor Ort wird nichts verkauft, und deutschsprachige Führungen sind rar.

Spielberg (Špilberk). Die Burg auf dem Hügel über der Stadt wurde unter den Habsburgern zum berüchtigten Gefängnis. Heute beherbergt sie das Museum der Stadt Brünn, und von den Wällen habt ihr den besten Rundblick. Der Park rund um die Burg ist eine herrliche Grünfläche mitten im Zentrum.

Petersdom (Petrov). Die Kathedrale St. Peter und Paul ist Brünns Silhouette. Eine Eigenheit verdient eine Erklärung: Die Glocken am Petrov läuten den Mittag um elf Uhr. Das ist kein Fehler. Während der schwedischen Belagerung 1645 soll ein schwedischer General versprochen haben, die Stadt in Ruhe zu lassen, falls sie bis Mittag nicht gefallen sei — woraufhin ein findiger Glöckner zwölf Uhr eine Stunde zu früh schlug. Die Schweden zogen ab, und Brünn läutet den Mittag bis heute um elf.

Altes Rathaus (Stará radnice). Im Durchgang des Alten Rathauses findet ihr gleich zwei Brünner Legenden direkt nebeneinander. Unter der Decke hängt der Brünner Drache — in Wahrheit ein ausgestopftes Krokodil, das die Sage zum Drachen machte. Daneben steht das Brünner Rad, das ein Wagner aus Lednice auf eine Wette hin an einem einzigen Tag gefertigt und rund fünfzig Kilometer nach Brünn gerollt haben soll.

Krautmarkt (Zelný trh). Ein Markt, der bis heute funktioniert — hier wird Gemüse verkauft, keine Souvenirs. In der Mitte steht der barocke Parnass-Brunnen. An der Ecke des Platzes findet ihr das Reduta-Theater, das älteste Theatergebäude Mitteleuropas; 1767 trat hier der elfjährige Wolfgang Amadeus Mozart auf.

Der Krautmarkt (Zelný trh) in Brünn mit dem barocken Parnass-Brunnen

Brünn unter der Erde. Die Stadt hat eine zweite Seite, versteckt unter dem Pflaster. Unter der Jakobskirche liegt das zweitgrößte Beinhaus Europas, größer ist nur das Pariser. Man entdeckte es 2001 zufällig; es birgt die Gebeine von über 50.000 Menschen — Opfer der Pest, der Cholera und des Dreißigjährigen Krieges. Seit 2012 ist es zugänglich, die Knochen sind zu Mustern geordnet, und eigens für diesen Ort komponierte Musik untermalt den Raum. Die Kapuzinergruft ist das andere Brünner Untergeschoss: Dort liegen Dutzende natürlich mumifizierte Körper — Kapuzinermönche und einige Wohltäter, darunter der Soldat Baron Trenck in einem Glassarg. Fotografieren ist hier aus Pietät unerwünscht.

Mendel und Mahen. Im Stadtteil Altbrünn steht die Augustinerabtei St. Thomas — das Kloster, aus dem die moderne Genetik hervorging. Gregor Mendel kreuzte hier als Mönch Erbsen im Klostergarten und leitete daraus die Vererbungsgesetze ab. Das Mendel-Museum erzählt seine Geschichte verständlich, Führungen gibt es auch auf Deutsch. Das Mahen-Theater wiederum war 1882 das erste Theater auf dem europäischen Festland mit elektrischem Licht — die Beleuchtung entwarf Thomas Alva Edison selbst, eine der originalen Glühbirnen seht ihr bis heute im Foyer.

Das Mahen-Theater in Brünn, erstes elektrisch beleuchtetes Theater auf dem europäischen Festland

Wandern rund um Brünn

Brünner Stausee und Burg Veveří. Der beliebteste Ausflug. Die Tram 1 bringt euch nach Bystrc an den Stausee. Von dort führt ein grün markierter Weg durch den Wald Podkomorské lesy zur Burg Veveří, einer Burg aus dem 13. Jahrhundert auf einem Felssporn über dem Wasser — zu Fuß etwa zwei Stunden.

Hády. Im Nordosten der Stadt erhebt sich der Hügel Hády, ein ehemaliger Kalksteinbruch, der heute Naturreservat ist. Markierte Rundwege von 3 bis 12 Kilometern führen über die Hochfläche, ein Aussichtsturm gibt den Blick über ganz Brünn frei. Für Frühaufsteher der beste Sonnenaufgangspunkt der Stadt. Anfahrt mit dem Bus bis Velká Klajdovka, wo es auch einen Parkplatz gibt.

Mariánské údolí (Marienthal). Am Ostrand von Brünn zieht sich ein Tal mit einer Kette kleiner Teiche — ein ruhiges Wander- und Radrevier der Einheimischen, mit überwiegend befestigten Wegen und einigen anspruchsvolleren Pfaden in den Hügeln im Osten. Gut für einen gemächlichen Halbtag. Am Taleingang gibt es einen Parkplatz.

Wilson-Wald (Wilsonův les). Wer gar nicht erst aus der Stadt heraus will: Dieser bewaldete Hügel liegt fast im Zentrum, ist leicht hügelig und belohnt mit Ausblicken über die Dächer der Stadt.

💡 Fotospot im Zentrum: Für das klassische Bild des Petersdoms geht in den Park Denisovy sady unterhalb der Kathedrale.

Essen und Trinken: Wein statt Bier

Eine Sache vorweg: Brünn ist eine Wein-, keine Bierstadt. Weinstuben (vinotéky) gibt es in der Stadt unzählige. Kommt ihr im Herbst, fragt nach burčák, dem teilweise vergorenen Traubenmost, den es nur wenige Wochen im Jahr gibt.

Weinberge in Südmähren — die Region rund um Brünn ist Weinland

Brünn ist außerdem eine Kaffeestadt. Dank der vielen Studierenden hat es eine lebendige, unaufdringliche Café-Szene.

Beim Essen gilt eine einfache Regel: Je näher am Hauptplatz náměstí Svobody, desto mehr zahlt ihr für die Adresse und desto weniger für den Teller. Zwei, drei Straßen weiter, in den Studentenvierteln, esst ihr ehrlich, günstig und gut. Ein paar verlässliche Adressen:

  • Stopkova plzeňská pivnice — klassische tschechische Küche
  • Pivnice Pegas — zentrale Brauereigaststätte mit eigenem Bier
  • Lokál U Caipla — gepflegte tschechische Küche mit frisch gezapftem Bier
  • Výčep Na Stojáka — Stehausschank für Biere kleiner regionaler Brauereien

Was ihr probieren solltet: svíčková na smetaně (Lendenbraten in Rahmsauce mit Knödeln) und moravský vrabec, den „mährischen Spatz” — gebratenes Schweinefleisch, kein Vogel. Wie ihr den Unterschied zwischen Pivnice, Hospoda und Restaurace lest und wo ihr als Gast wirklich richtig sitzt, erklären wir gesondert im Beitrag Pivnice, Hospoda, Restaurace.

Geheimtipps

Trinkgeld. In tschechischen Lokalen rundet man auf oder gibt etwa 5 bis 10 Prozent. Üblich ist, den Betrag direkt beim Zahlen zu nennen, nicht das Geld auf dem Tisch liegen zu lassen. In traditionellen Pivnice ist Bargeld nach wie vor König — passend zu haben hilft.

Tischsitten in der Pivnice. In einer einfachen Bierstube setzt man sich selbst, und an einem großen Tisch kann es passieren, dass ihr euch den Platz mit Fremden teilt. Das ist normal und kein Grund zur Sorge — ein kurzes „Je tu volno?” („Ist hier frei?”) genügt. Mehr nützliche Sätze findet ihr im Beitrag Zwölf tschechische Sätze, die wirklich helfen.

Der Elf-Uhr-Mittag. Wenn ihr am Petrov zwölf Glockenschläge hört und das Gefühl habt, euch sei eine Stunde abhandengekommen — keine Sorge, das gehört so (siehe oben). Praktischer Nebeneffekt: Um Punkt elf fällt auch am astronomischen Uhrwerk am náměstí Svobody eine Glaskugel heraus, die jemand fangen darf. Ein kurzes, kurioses Schauspiel.

Nahverkehr. Brünns Netz aus Tram, Bus und Trolleybus (DPMB) ist dicht und günstig. Tickets löst ihr am bequemsten in der DPMB-App; eine Tageskarte rechnet sich schon ab der dritten Fahrt.

Timing für die Villa. Die Tugendhat-Tickets werden monatlich für etwa zwei Monate im Voraus freigeschaltet. Sobald neue Termine erscheinen, sind die Wochenenden und die deutschsprachigen Führungen binnen Stunden weg. Schaut früh — und falls der Innenraum ausgebucht ist: Garten und Ausstellung im Technikgeschoss sind während der Öffnungszeiten kostenlos und ohne Führung zugänglich.

Praktische Informationen

  • Anreise mit der Bahn: Aus Prag fährt etwa alle 30 Minuten ein Zug nach Brünn, Fahrzeit rund 2,5 Stunden (RegioJet oder České dráhy). Aus Wien seid ihr in etwa 1,5 Stunden da — Brünn liegt direkt an der Achse Prag–Wien.
  • Anreise mit dem Auto: Aus Prag über die Autobahn D1; für tschechische Autobahnen braucht ihr eine gültige Vignette. Im Zentrum ist das Auto eher hinderlich — nutzt die Parkzonen am Rand.
  • Beste Reisezeit: Spätes Frühjahr (Mai) und früher Herbst (September) — mildes Wetter und wenig Andrang.
  • Villa Tugendhat: Unbedingt vorab online über tugendhat.eu buchen, idealerweise rund zwei Monate im Voraus. Montags geschlossen.
  • Beinhaus und Kapuzinergruft: Günstiger Eintritt, keine Reservierung nötig; einfach während der Öffnungszeiten kommen.
  • Wandern: Stausee, Hády und Mariánské údolí sind frei zugänglich und kostenlos; Parkplätze gibt es jeweils am Ausgangspunkt.

Mährische Weinberge bei Brünn


Plant ihr eine größere Mähren-Runde? Werft einen Blick auf Olmütz, die Renaissance-Stadt — oder auf Prag in drei Tagen, falls ihr Brünn an die Hauptstadt anhängt.

Šťastnou cestu!